Kann man das Immunsystem gegen Krebs stärken?

Mittwoch 1. 2. 1. Feb 2017

Herr Dr. von Schilling, wie viele Menschen in der Region Freising sind von einer Krebserkrankung betroffen?

„Jedes Jahr erkranken knapp 1000 Menschen im Landkreis Freising neu an Krebs. Geheilt werden können davon knapp zwei Drittel. In der Häufigkeit an der Spitze stehen, beide Geschlechter zusammengenommen, der Dickdarmkrebs, bei der Frau der Brustkrebs, beim Mann das Prostatakarzinom."

Gibt es da eine Entwicklung in den vergangenen Jahren?

„Für die Region Freising und Oberbayern lässt sich beispielsweise feststellen, dass Krebserkrankungen, insbesondere auch Blut- oder Hautkrebs, jenseits des 75. Lebensjahres zunehmen. Das liegt in erster Linie daran, dass die niedergelassenen Ärzte gezielter daraufhin untersuchen. Und es spielt natürlich auch eine Rolle, dass die Menschen generell älter werden. Außerdem können wir in unserer Region beobachten, dass die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, abgenommen hat. Und zwar spürbar. Das hat mit der Früherkennung zu tun und auch mit der Bereitschaft, geeignete Behandlungen wie Operationen oder Strahlentherapien in Anspruch zu nehmen."

Kann ich das Immunsystem gegen Krebs stärken?

„Die Stärkung des Immunsystems als Prophylaxe gegen Krebs ist bislang nicht ausreichend wissenschaftlich belegt. Die Daten, die dazu vorliegen, beziehen sich zu großen Teilen auf Sport, der die Lebenserwartung allgemein verbessert. Bloß weiß man nicht zweifelsfrei, ob das durch Sport verbesserte Immunsystem dem Krebs entgegenwirkt oder ob das am – unterstellten – generell gesünderen Lebenswandel von sportlichen Menschen legt, die weniger rauchen, weniger Alkohol trinken, genügend schlafen und sich gesünder ernähren. Es ist also eine Kombination aus Immunsystem und Lebensart."

Welche Rolle spielt das Immunsystem generell bei einer Krebserkrankung?

„Es spielt eine wichtige Rolle bei der Diagnose und der Bekämpfung von Krebs. Das Immunsystem ist dafür zuständig, dass überzählige Zellen, die es immer im Körper gibt, aufhören zu wachsen und abgebaut werden."

Warum gibt es dann überhaupt Krebs?

„Krebszellen schaffen es, sich zu tarnen und dem Immunsystem vorzugaukeln, dass sie nicht abgebaut werden sollen. Es wird dazu eine Art Schutzschild gebildet, damit das Immunsystem nicht an die Krebszellen rankommt. Ein Ansatz, der seit etwa 40 Jahren verfolgt wird, ist es daher, diese Tarnung der Krebszellen so zu schwächen, dass das Immunsystem doch an sie herankommt. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren hat man die Möglichkeit entwickelt, diese ,Tarnzellen' zu beseitigen, damit dem Immunsystem insgesamt eine aktivere Rolle bei der Krebsbehandlung zukommt."

Wirkt das?

„Bei Schwarzem Hautkrebs, Nierenkrebs oder Lungenkrebs beispielsweise schon, bei Brust- und Darmkrebs hingegen nicht. Das Prinzip ist kein Allheilmittel. Es ist zusammen mit Strahlen- und Chemotherapien sowie Operationen aber ein wichtiger Baustein und wird in den nächsten Jahren sicher noch weiter verbessert."

Aus Ihrer langjährigen Erfahrung: Was hat sich in der Wahrnehmung von Krebs geändert?

„Krebs ist aus der Tabu-Ecke raus. Das hat beispielsweise mit Persönlichkeiten wie Mildred Scheel oder Marianne Herzog zu tun. Mit diesem größeren öffentlichen Bewusstsein hat aber leider sowohl Angst, ja geradezu Panik, als auch das Anpreisen von vermeintlichen Wundermitteln zugenommen. Da sind haarsträubende, teilweise auch gefährliche Dinge dabei gewesen in den vergangenen Jahren, von Aprikosenkernen über Goji-Beeren bis hin zu Methadon oder jetzt Canabis. Letzteres kann beispielsweise bei Krebspatienten zu Schmerzlinderung und zur Stärkung des Appetits beitragen. Den Krebs bekämpfen kann Canabis nicht."

Was wäre im Umgang mit dem Thema Krebs wichtig?

„Es wäre wünschenswert, dass Fakten die öffentlichen Diskussion über Krebs bestimmen und nicht irgendwelche polemischen Halbwahrheiten. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die Wahrnehmung dessen, was möglich ist, realistisch bleibt."

Wie funktioniert das in Freising?

„Das funktioniert vor allem über gute Zusammenarbeit und Prävention. Wir arbeiten im Klinikum seitens der Onkologie mit der Gynäkologie, der Gastroenterologie, Psychosomatik, der Chirurgie und natürlich der Psychoonkologie eng zusammen. Das Klinikum steht in einem sehr engen Kontakt mit den niedergelassenen Ärzten, bei denen es ein tolles Netzwerk gibt. Wir arbeiten mit dem Krebshilfeverein zusammen und mit der radiologischen Praxis. Diese übergreifende Zusammenarbeit wollen wir im Rahmen des Projekts ‚Gesundheitsregion Plus' weiter stärken: noch mehr Prävention, noch mehr Information. Dann bleiben wir in Freising weiter gut aufgestellt."